Ich sitze an der Quelle: Da liegst Du kleines Schneckenhaus.
Du scheinst leer, unbelebt. Ich halte Dich in meinen Händen. So wundervoll.
Schön bist Du. Vollendete Form. Farben. Ich liebe dieses Muster. Die Spirale. Dieses Ur-Symbol.
So wunderschön. Harmonisch. Vollkommene Architektur. Einfach und schlicht. Und doch komplex.
Ich kann mich nicht satt sehen. Es ist jedes Mal eine tiefe Freude. Eine
Ekstase. Ein Erwachen. Dieses Ur-Symbol des Lebens zu betrachten, zu fühlen, zu
spüren. Der Stoff, aus dem wir gemacht sind. Es ist ein Erinnern, an die Quelle
in mir. An die Ursubstanz. An das ES IST.

So zeigst Du Dich mir heute morgen. Schon seit Monaten bist
Du meine Begleiterin und Inspiration: Kleine
Schnecke. Langsam. Lange Fühler. Fühlen. Sich strecken. Zurück ziehen.
Schleim. Spur. Müll-Vertilgerin.

Ich weine und halte Dich in meiner Handfläche. An der Quelle
auf einem Baumstamm sitzend. Wir zwei. Und die singenden Vögel ganz nah bei
mir. Am Oster-Schweige-Ort. Dem Ort der Auferstehung, an dem wir vor ein paar
Wochen still das Osterwasser geschöpft haben. Der Schmerz fließt aus mir
heraus. Unaufhaltsam. Immer wieder neue Schübe. Weinen. Schluchzen. Ich lasse
es durch mich hindurch fließen. Lasse den Schmerz und die Trauer aufsteigen und
durch meine Augen fließen. Reinigung sein. Für einen neuen klaren Blick. Der so
verschleiert war in den letzten Tagen. Es waren innerlich Rückzugs-Tage. Die
Zeit der Alten. Der Sterbenden. Und doch war im Außen wieder soviel Trubel. Ich
habe nach dir gesucht, kleines Häuschen. Mich gesehnt nach einem sicheren
Rückzugsort. Und bin gezwungen, diesen Ort in mir zu finden. In meinem Atem.
Gleich gültig, wo und mit wem ich bin. Das lerne ich von Dir, kleine Schnecke.
Meinen Ort der Ruhe und der Stille bei mir zu tragen. Die Fühler einzuziehen,
auch wenns außen rummelig ist. Mein Häuschen fühlt sich noch so klein an, ist
noch im geistigen Wachstum. Unsichtbar. Wo ist es? Zeig Dich!

Dieses Häuschen in meiner Hand ist schon da. Es ist auch so
stabil in sich. Obwohl es aus dünnem Stoff ist und zerbrechlich erscheint.
Eine perfekte Konstruktion der Schöpfung. Ein mobiles Zuhause. Ein immer
präsenter Schutzraum auf der Reise des Lebens. Das will ich auch!

Ich drücke leicht. Es bleibt stabil. Ich drücke stärker. Es
bleibt stabil. Ich drücke noch stärker. Es zerbricht in meinen Händen. Ich
erschrecke richtig. Es kracht und knackst. Mien Herz zieht sich zusammen.

Ich bin erschrocken über das, was ich getan habe. Und doch
war es auch ein Reiz, ein kindlich neugieriges Drängen, gewachsen aus einer
Lust, das Leben zu erforschen. Wie lange wird es dem Druck noch Stand halten
können?

Nun habe ich diese Form zerstört. Getötet. Meine Kraft hat
diese Schönheit zersplittert. Vernichtet. Ich spüre Faszination und Schreck
zugleich. Wie machtvoll ich bin, obwohl ich mich ohnmächtig fühle.

Und es war wirklich unbewohnt.

Doch dann sehe ich darin etwas. Ein ausgetrockneter
Schneckenleib?

Nein: es ist etwas kleines Schwarzes. Ich schaue genauer
hin. Es ist eine kleine winzige Schnecke, die schon ihren Leib und ihre Fühler
heraus streckt. Sie kriecht langsam. Balanciert ihr Häuschen und turnt in dem
zerbrochenen Wrack, der Ruine des alten Hauses mutig und unbesorgt herum. Sie
ist so wunderschön. Vollkommenheit im Kleinformat und doch schon so groß. Wie ein
kleines Baby. Ein Neugeborenes. Ihr Häuschen schimmert golden.

Hätte ich das Alte nicht zerstört, hätte ich das neue Leben
nicht erblicken können. Und es scheint schon reif zu sein. Noch sehr klein und
zerbrechlich, doch schon ganz da. Ganz wach. Neugierig auf diese Welt.

Ist das Auferstehung?! Das Alte stirbt, ist zerstört und das
neue Leben schon erwacht. Es war im Alten verborgen. Unglaublich. Wunderbar.
Ein Wunder für mich an diesem satten bunten köstlich vollriechendem Frühlings-Morgen.

Und ein Spiegel meiner Seele: das Alte muss zerbrechen,
damit das neue Leben entdeckt werden kann. Denn es ist schon da. Es wartet. Und
löst das Alte, unbrauchbar Gewordene ab.

Ich fühle und erkenne an diesem Morgen:

DAS LEBEN IST UNZERSTÖRBAR.
DAS ALTE STIRBT UND MACHT PLATZ FÜR DAS NEUE.
DIE NEUE ERDE IST SCHON DA.

Beständiger Wandel. Transformation.